Augenzeugenbericht vom Einsatz der Polizei im Stuttgarter Schloßgarten am Donnerstag, 30. September 2010

9:30 Uhr Ich öffne meine Mails und lese die Info der Parkschützer, dass für den heutigen Tag Vorbereitungen für Baumfällarbeiten im Park mit massivem Polizeiaufgebot erwartet werden. Ich rufe Angelika an, eine Freundin. Wir wollten im Wald spazieren gehen. Wir verabreden uns stattdessen im Park.

10:15 Uhr Angelika und ich treffen uns in der Klett-Passage und laufen in den Park. Man sieht mehrere Polizeiautos. Es ist ruhig. Bei den Parkschützern sind vielleicht hundert Menschen. Weil es nicht so aussieht, als ob irgendetwas Dramatisches passiert, spazieren wir los in Richtung Cannstatt.

10:50 Uhr Wir laufen mitten hinein in mehrere Fahrzeuge der Polizei, die gerade in den Park fahren: Zwei Wasserwerfer, mehrere LKWs mit Absperrgittern. Ein paar Polizisten laufen neben den Fahrzeugen her. "Es geht also los", sage ich zu einem der Polizisten. Er nickt und sieht nicht sehr glücklich aus. "Und wie fühlen Sie sich dabei?" "Wir sind alle nicht von hier", sagt er.

10:57 Uhr Berittene Polizei taucht auf. Mittlerweile ist die Schülerdemo lärmend in den Park gezogen.

11:00 Uhr Die Schüler haben die Einsatzwagen der Polizei entdeckt und stürmen darauf zu. Sie bleiben vor den Wagen stehen und unterhalten sich aufgeregt. Immer mehr Einsatzkräfte strömen in den Park. Vier Polizeireiter postieren sich vor dem ersten Lkw. Die Schüler setzen sich vor den ersten Lkw mit den Absperrgittern. Ein Schüler mit Megaphon steht vor den Schülern. Er ruft sie immer wieder dazu auf, friedlich zu bleiben. Die Kids lachen, scherzen und finden alles sehr aufregend. Niemand hier ist gewalttätig oder gewaltbereit. Sie setzen sich und fordern alle Umstehenden auf, sich ebenfalls zu setzen. Wir setzen uns nach kurzem Zögern in die Schülermenge.

Die Polizei beginnt damit, die Absperrgitter vom Lkw zu räumen und am Rand des Parks zu verteilen. Daraufhin stürmen einige der Schüler los. Der Junge mit dem Megaphon sagt, es sei besser, dazubleiben. Die meisten kommen zurück und setzen sich wieder auf den Weg.

Immer mehr Menschen kommen in den Park und stehen Auge in Auge mit den Polizisten, die die Gitter aufstellen. Polizisten in grüner Montur rennen hektisch in Gruppen in verschiedene Richtungen. Auch immer mehr Einsatzkräfte rücken an.

Auf dem Hügel oberhalb der Schülergruppe sammeln sich immer mehr Polizisten in blauer Montur und mit Helmen.

12:00 Uhr Ein paar Schüler klettern auf den ersten Lkw mit den Absperrgitter. Die Schüler johlen. Von denen, die unten sind, kommt Applaus. Die Polizei fordert die Kids auf dem Lkw mehrmals auf, sofort herunterzukommen. Die Kids bleiben oben. Einsatzkräfte klettern auf den Wagen, die Demonstranten kommen jetzt freiwillig herunter.

12:07 Uhr Eine große Gruppe Schülerinnen und Schüler klettert zurück auf den Lkw. Sie lachen. Die Polizei ruft wiederholt dazu auf, den Lkw UND die Straße zu räumen, und kündigt den Einsatz von Wasserwerfern an.

12:11 Uhr Die Einsatzkräfte beginnen von vorne massiv die Demonstranten von der Straße wegzudrängen. Sie tragen Helme mit Visier. Sie gehen in Reihen nach vorne, sie drücken und schieben brutal vorwärts. Wer vorne sitzt, bleibt nicht lange sitzen. Vorne bricht Tumult aus.

12:23 Uhr Einsatzkräfte beginnen mit der Räumung des Lkws. Ein Mann und ein paar Schüler klammern sich aneinander. Der Mann wird von einem der Einsatzkräfte brutal in den Schwitzkasten genommen und erst nach einiger Zeit losgelassen.

12:30 Uhr Von vorne drücken die Einsatzkräfte wieder massiv gegen die Menge. "Sitzenbleiben!" schreien die einen. "Aufstehen, das ist viel zu gefährlich!" die anderen. Es herrscht ein Riesendurcheinander. Vor uns springen die Menschen auf. Sitzenbleiben ist unmöglich, wir haben Angst, dass jemand auf uns drauftritt, v.a. aber vor den Einsatzkräften, die rücksichtslos nach vorne drücken. Auch wir springen auf. Alles stolpert. Ein scharfer Geruch hängt in der Luft. Wasserwerfer sind bereits im Einsatz. Wir kämpfen uns aus der Menge, hustend. Zum Glück haben wir kein Pfefferspray abbekommen.

Wir gehen ins Klo im Biergarten. Dort sind mehrere Menschen, die sich verzweifelt die Augen auswaschen, weil sie Pfefferspray ins Auge bekommen haben. Ihre Gesichter sind knallrot. Es sind Schülerinnen und Schüler und weitere Demonstranten. Sie sehen furchtbar aus. Wir gehen wieder hinauf.

"Es lässt mir keine Ruhe", sagt Angelika. "Warum gibt es keine Sanitäter?" Sie hält eine Polizistin an, die ebenfalls aufs Klo geht. Es hat etwas Absurdes. Polizisten und Demonstranten gehen gemeinsam aufs Klo, um sich dann wieder gegenüberzustehen.

Die Polizistin sagt, es sei keine Erste Hilfe vorgesehen, sie kann nicht weiterhelfen, das muss der Einsatzleiter machen, sie kann uns zu ihm bringen. Die Polizistin bringt uns zum Einsatzleiter. Er steht hinter einer Absperrung. Die Polizistin geht zu ihm, spricht mit ihm und kehrt zu uns zurück. "Hilfe ist unterwegs", sagt sie.

Wir gehen zurück zum Biergarten. Am Eingang vom Klo haben sich mittlerweile noch weitere Opfer eingefunden. Sie sehen schlimm aus. Einige sind völlig am Ende, auch psychisch. Eine Frau verteilt Rescue-Tropfen. "Hilfe ist unterwegs", sagen wir.

Es dauert lange. Schließlich sehen wir einen Krankenwagen, der hinter den blockierten Wagen steht. "Die Polizei lässt den Krankenwagen nicht durch", sagt eine Frau. "Angeblich geht es nicht."

Einige der Pfefferspray-Opfer sagen, es geht schon wieder. Jemand hat Milch gebracht, zum Ausspülen. Milch beruhigt. Die, die Hilfe brauchen, gehen selber zum Krankenwagen. Ein Schüler sagt, ein Polizist habe ihn zwischen die Beine getreten. Ein anderer, er habe geschrien, "ich will raus", da habe ihm ein Polizist Pfefferspray direkt ins Auge gedonnert.

Die Polizei rückt mittlerweile massiv mit Wasserwerfern vor. Am Biergarten steht eine wütende Menge hinter den Gittern. Wütend, ja, pfeifend und schimpfend; gewalttätig, nein.

Wieder kommen Pfefferspray-Opfer aus den Blockaden. Wir bringen sie zu den Sanitätern. Die haben mittlerweile hinter dem Schloßgarten Decken und Planen auf den Boden gelegt. Eine Frau liegt da, völlig durchweicht, sie weint leise vor sich hin. Wir bringen sie noch einmal zum Augenausspülen. Eine andere liegt völlig apathisch da, der Freund hält sie fest in den Armen. Die Sanis spülen den Opfern die Augen aus. Manche brauchen mehrere Spülungen, sie sagen, sie halten es kaum aus, und wann das denn endlich nachlasse. So geht der Nachmittag weiter. Die Einsatzkräfte setzen ohne Unterbrechung Wasserwerfer ein.

Fazit:

  • Ich habe keine Gewalt von Schüler/innen oder anderen Demonstrant/innen gesehen.
  • Ich habe keine Deeskalationsteams gesehen.
  • Die Einsatzkräfte haben nicht versucht, Demonstrant/innen wegzutragen, sondern sind von Anfang an massiv vorgegangen.
  • Erste Hilfe war nicht vorgesehen.