Advent
Natalia ging in die Stadt zum Einkaufen, denn Weihnachten nahte. Sie hatte der Hose nichts von ihrem Vorhaben erzählt, denn die Hose wurde immer sehr deprimiert, wenn sie wusste, dass Natalia an Orte ging, an denen viele Hosen waren, schicker und neuer als sie, die Hose Natalias.
Natalia stieg aus der U-Bahn und betrat eines der großen Kaufhäuser auf der Königstrasse, von denen man nicht wusste, ob sie die nächsten Jahre überdauern würden. Heute jedoch war nichts davon zu verspüren, dass die Menschen sich weigerten, Sachen zu kaufen. Viele, viele Menschen füllten die Rolltreppen, drängten sich an den Kassen, den Wühltischen und Kleiderständern und suchten. Immer wieder hörte Natalia Wortfetzen in einem fremden Dialekt, der nur schwer zu verstehen war, und der sie an jenen Sommer ihrer Kindheit erinnerte, als man sie wegen eines schlimmen Keuchhustens hoch hinauf in die Berge in eine Kurklinik geschickt hatte, ganz allein, weil es damals noch keine Mutter-Kind-Kuren gegeben hatte, und die jämmerliche Einsamkeit, die sie damals verspürt hatte, traf sie aus heiterem Himmel und mit voller Wucht, trotz der vielen Menschen. Doch als sich Natalia die Gesichter der Menschen ansah, um dort Trost zu finden, sah sie in deren Blicken nur Leere, Leere und eine gewisse Verwirrung, so als ob man sie aus tiefem Schlaf gerissen hätte und sie sich nun plötzlich in einem Kaufhaus wiederfänden, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen waren und was sie dort wollten. Niemand schien aus freiem Willen hier zu sein und über allem schwebte trotz der süßlichen Weihnachtsmusik eine tiefe Traurigkeit.
Natalia floh, sie eilte nach Hause in die Vertrautheit ihrer vier Wände und der tröstlichen Nähe der Hose. Sie setzte sich in die Küche und kochte einen Tee, zündete die einzige Kerze an, die sie sich für den Advent gekauft hatte, und legte Schuberts Winterreise auf. Während sich draußen langsam und viel zu früh die Dunkelheit über den Stuttgarter Osten legte, lauschte sie der tiefen Melancholie der Musik und den schlichten Texten, die sie ins Herz trafen. Aber es war eine andere Traurigkeit als die, die im Kaufhaus geherrscht hatte, eine wahrhaftige Traurigkeit der Vergänglichkeit der Liebe und des Todes, eine Traurigkeit, der man sich stellen musste, weil man ihr nicht entkommen konnte, und wie immer musste Natalia weinen, als es im letzten Stück vom Leiermann hieß „und sein kleiner Teller blieb ihm immer leer“, doch als der letzte Klavierton verklungen war, wußte Natalia, dass sie nun wieder froh werden würde.
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