Die Hose
Als Natalia aus dem Becken steigt, bemerkt sie zunächst nicht, dass ihre Hose fehlt. Beim Schwimmen hat sie immer wieder einen raschen Blick auf die Bank geworfen, auf der sie ihre Siebensachen abgelegt hat, aber irgendwann beschlug ihre Schwimmbrille und sie konnte nichts mehr erkennen, nur die Silhouetten der Vereinsschwimmer, die monoton ihre Bahnen kraulten.
Natalia liebte ihre Hose, sie liebte die Art, wie der dünne Jeansstoff genau auf ihren Hüftknochen aufsaß und so daran gehindert wurde, im freien Fall zu den Knöcheln zu stürzen, und sie liebte die weiten schlabbrigen Hosenbeine, die sie an ihre Jugend erinnerten. Darum hatte sie die Hose auch sorgfältig zusammengelegt und mit ihren anderen Sachen auf einer Bank nahe des Beckens deponiert. Natalia kam immer nur zum Schwimmen ins Untertürkheimer Freibad und machte von den Umkleidekabinen nie Gebrauch.
Einen Augenblick lang dachte sie, sie hätte sich in der Bank geirrt, und blickte verwirrt auf die Bänke links und rechts, aber der Rucksack lehnte genau da, wo sie ihn hingelegt hatte, und auch T-Shirt, Kapuzenjacke und Schuhe waren da, einzig die Hose, die zuoberst gelegen hatte, fehlte auf dem Kleiderhäufchen. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie dem Bademeister die verschwundene Hose melden sollte, befürchtete dann aber, sich lächerlich zu machen und nahm stattdessen das Handtuch aus dem Rucksack, wickelte es sich über den Badeanzug und um die Hüften, zog T-Shirt, Kapuzenjacke, Socken und Schuhe an. Mit raschen Schritten ging sie Richtung Ausgang und hoffte, in ihrer albernen Aufmachung möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Das buntkarierte Handtuch und das gestreifte T-Shirt bildeten einen schönen Gegensatz, Schuhe und Socken machten alles nur noch schlimmer, aber da es ein kühler Tag war, hatte Natalia auf die Socken nicht verzichten wollen, der klamme Badeanzug ließ sie schon genug frieren, und man konnte meinen, dass sie nur auf dem Weg zum Parkplatz war, um dort sofort in ein Auto zu steigen.
Natalia hatte den Ausgang erreicht, niemand schien auf sie zu achten, aber sie mochte nicht daran denken, wie es außerhalb des Freibads sein würde. Ihr graute vor den verstohlenen Blicken in der U-Bahn, wo sie auf dem gepolsterten Sitz einen feuchten Fleck hinterlassen würde. „Warten Sie!“ Natalia zuckte zusammen. Es war die Kassiererin, die sie kurz vor Verlassen des Bades gesehen hatte, eine kleine, korpulente Frau, die in einem weißen Kittel steckte. „Ihre Hose. Sie vermissen sie doch, oder?“ Natalia machte eine leichte Bewegung mit dem Kinn, die man als „Ja“ deuten konnte. Die Kassiererin nickte hinter ihrer Glasscheibe zufrieden mit dem Kopf, wobei ihre Perücke sanft hin und her rutschte.
„Ich habe schon die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand ohne Hose kommt.“ Sie richtete sich auf ihrem wackeligen Drehstuhl halb auf und streckte ihren kurzen Arm durch das Loch, das in der Glasscheibe ausgespart war. „Sie ist in diese Richtung gegangen“, rief sie triumphierend. Der Arm wies Richtung Neckar. Die Hose war also nicht gestohlen worden. Während Natalia zur U-Bahn lief, überlegte sie, ob sich die Hose in den Neckar gestürzt hatte und nun munter dahinschwamm, und ob sie ihr nun hinterhereilen und zur Rede stellen sollte. Sie schob den Gedanken rasch beiseite. Dazu hätte ihr ohnehin der Mut gefehlt.
erschienen in der Samstagsbeilage der Stuttgarter Zeitung vom 21.07.2007
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