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Im Süden Sonne

Schon als er auf den Parkplatz fuhr, verdüsterte sich seine Stimmung. Sie verbesserte sich nicht gerade, als er auf das achtstöckige Gebäude zuging, in dem er wieder einmal die nächsten neun Stunden verbringen würde – und heute war erst Montag...

Er ging durch den Seiteneingang hinein und steckte die Karte in den Automaten. Die Digitaluhr zeigte 8.17 Uhr, schon wieder zu spät. Er machte sich nicht die Mühe, die vier Stockwerke wie sonst zu Fuß hinaufzugehen, mehr oder weniger die einzige Bewegung, die er zur Zeit hatte. Stattdessen ging er zum Fahrstuhl, drückte auf den Knopf und schaffte es gerade noch, dem Dickbäuchigen mit dem grau-grün gestreiften Hemd, der sich neben ihn hinstellte, auf sein grauenhaft fröhliches „Guten Morgen!“ zu antworten. Mit einem ‘Bing‘ öffnete sich die Fahrstuhltür, sie stiegen beide ein und glitten schweigend in die Höhe.

Die Sekretärin seiner Abteilung begrüßte ihn mit jenem scheinbar gleichgültigen Blick, von dem er genau wußte, was er bedeutete, vielleicht lag es an der Art, wie sie ihre spitze Nase in die Höhe reckte und ihre erdbeerrot bemalten Lippen dabei ein leises, aber sehr sorgfältig artikuliertes “Guten Morgen, Herr Koller“, formten; er fühlte sich wie ein Schuljunge vor der gestrengen Lehrerin und schaute unwillkürlich an seinem frischgewaschenen rostroten Hemd hinunter, um zu prüfen, ob es vielleicht peinliche Flecken aufwies.

Er hielt es für das Beste, sie ein für allemal zu ignorieren, und ging schnurstracks auf seine Bürotür zu, fest entschlossen, sich durch nichts aufhalten zu lassen. Er hatte schon die Klinke in der Hand, da schallte es in seinem Rücken, “Herr Koller... einen Moment, bitte.“ Er erstarrte und drehte sich langsam, viel langsamer als nötig um. “Sie mögen zum Chef kommen, wenn Sie soweit sind.“ Er war sich nicht im Klaren darüber, ob er sich den Hohn in ihrer Stimme einbildete.“Ich komme gleich“, antwortete er, drehte sich erneut um und schaffte es nun tatsächlich, ungehindert sein Büro zu betreten. Er hängte das Jackett in den Schrank, setzte sich und starrte auf seinen Schreibtisch, auf dem nichts lag außer ein paar Leuchtstiften in grün, gelb und orange und einer Schreibtischunterlage, die er vollgekritzelt hatte, während er mit irgendjemandem – seiner Mutter, Tine, Wolfgang – telefonierte. Es war kein Schreibtisch, der nach Arbeit aussah, nach Denkprozessen, Projekten, schwierigen Problemen oder herausfordernden Aufgaben. Selbst das Telefon schien mit seinem Schweigen seine Beleidigung darüber auszudrücken, dass es an einem so unbedeutenden Ort stand, und den Computer schaltete er erst gar nicht ein.

Er seufzte, stand wieder auf und ging zurück ins Vorzimmer, ignorierte die Sekretärin, die dies vor lauter Konzentration auf die Tasten ihres PCs gar nicht wahrnahm, und klopfte an die Bürotür des Abteilungsleiters. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er ein, der Chef telefonierte gerade und winkte ihm mit der Hand, auf einem der schwarzen Ledersessel Platz zu nehmen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das Gespräch beendet war und der Chef sich ihm zuwandte. Was nun folgte, war eine exakte Wiederholung vorausgegangener Gespräche. Er wisse ja, so begann er wohlwollend, dass er, Herr Koller, sich nicht ganz mit seiner Tätigkeit ausgelaste fühle, und freilich sei man bemüht, hier sobald wie möglich Abhilfe zu schaffen, aber er könne sich ja vorstellen, dass diese Dinge nicht von einem Tag auf den anderen... Geduld haben... spannende Projekte auf Sie zukommen... Der Rest verschwamm zu einem einzigen Blabla und er ertappte sich dabei, wie er fasziniert auf die beiden halbkreisförmigen Flecken unter den Achseln seines Gegenübers starrte, der leger sein Jackett abgelegt hatte, und er beschloß, dass dem Chef die knallige Designer-Krawatte nicht stand.

Als er endlich wieder draußen war, fragte er sich, wie lange er wohl im Büro des Chefs gesessen hatte. Seine Gedanken waren so abgeschweift, hatten sich verloren in Träumereien, Erinnerungen an den gestrigen Abend mit Tine und den unnötigen Streit, dass es ihm unmöglich gewesen wäre zu sagen, ob es zehn Minuten oder eine halbe Stunde gewesen war.

Er ging zurück in sein Büro, stellte sich ans Fenster und schaute hinunter auf den Hof. Tatsächlich war es erst kurz nach neun, aber er hatte das Gefühl, einen anstrengenden langen Arbeitstag hinter sich zu haben. Einen anstrengenden, absurden, unbefriedigenden Arbeitstag. Und morgen würde wieder so ein Tag sein, bis zum Freitag würde es so weitergehen, und dann würde er eine absurde Woche hinter sich haben, und nach einer kurzen Erholungspause würde er nächsten Montag wieder... Plötzlich spürte er, wie sich in seinem Inneren etwas zusammenzog, spürte einen bleiernen Druck, der sich ihm auf die Brust legte, das Atmen schwer machte, immer stärker wurde –

Als die Sekretärin zwei Tage später endlich vernehmungsfähig war, berichtete sie stockend, daß Karl-Heinz Koller plötzlich die Tür seines Büros aufgerissen habe und auf sie zugestürmt sei. Er habe sie brutal von ihrem orthopädischen Drehstuhl geschubst und mit einer einzigen Handbewegung sämtliche Papiere – ihre wichtigen Geschäftspapiere! – vom Schreibtisch gefegt. Dann sei er auf selbigen gesprungen, wie ein Affe herumgehopst, wobei er die Augen irre verdrehte, und habe schließlich (an dieser Stelle versagte ihr die Stimme) den Hosenladen aufgemacht und auf den Bildschirm ihres PCs gepinkelt. Vor ihren und den entsetzten Augen des Chefs, der auf den Tumult aufmerksam geworden war, rannte er schließlich unter lautem Quieken zum Fenster, riß es auf und sprang, noch ehe man ihm Einhalt gebieten konnte, aus dem vierten Stock.

Als sie kurz nach dem Chef, der schneller laufen konnte als sie (er war ja auch Mitglied im Betriebs-Lauftreff, kein Wunder also) das Fenster erreichte, sah sie Koller mit ausgebreiteten Armen, schon ein gutes Stück entfernt, hoch am Himmel davonfliegen, ohne sich noch einmal umzublicken und ohne in irgendeiner Weise auf ihre empörten Rufe zu reagieren. Augenzeugenberichten zufolge wurde er noch einmal gute zehn Minuten später in etwa hundert Meter Höhe über dem Autobahnkreuz Stuttgart gesichtet; seine Flugrichtung war Süden.

Seitdem gilt Karl-Heinz Koller, ehemals Entwicklungsingenieur bei einer großen Firma in Stuttgart, als vermißt.

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