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Schnee

Es ist einer der selten gewordenen Tage, an denen Schnee liegt in Stuttgart, und Natalia hat frei. Sie weiss nicht recht, was sie mit sich anfangen soll, sie weiss nur, dass sie hinaus muss in den Schnee, der die ganze Stadt in einen seltsamen Ausnahmezustand versetzt hat. Die Straßen sind leer und die U-Bahnen quellen über. Der Schnee bremst alles herunter, er hüllt Häuser, Straßen und Autos in Unschuld, er fällt sanft, aber stetig und hinterläßt ein Lächeln auf den Gesichtern. Die Menschen sehen aus, als ob sie auf etwas warten, ohne zu wissen, was es ist.

Natalia geht in den Keller und findet nach einigem Suchen in der Ecke einen verstaubten Schlitten. Die Kufen sind ein bißchen braun geworden. Natalia schüttelt die Spinnweben ab und nimmt den Schlitten mit hinauf in ihre Wohnung, wo sie die Rostflecken besser sehen kann, und schleift mit einem Schmirgelpapier vorsichtig die braunen Stellen weg. Sie zieht eine Wollstrumpfhose unter die Hose und eine dicke Wollmütze auf den Kopf. Sie schultert den Schlitten und fährt mit dem 92er-Bus zur Solitude. Hier liegt noch viel mehr Schnee als in der Stadt, und Natalia erinnert sich ein wenig wehmütig an ihre Kindheit, tage- und wochenlang ging sie damals im Winter zum Schlittenfahren. Es ist bestimmt zwanzig Jahre her, dass sie auf einem Schlitten gesessen hat, und als sie das erste Mal die lange Abfahrt hinunterfährt, die schon der Herzog viele Jahre vor ihr hinuntergefahren ist, bremst sie um ja nicht zu schnell zu werden, und als sie am Ende der langen Abfahrt angekommen ist, ist sie ein wenig atemlos. Aber jetzt hat die Freude sie gepackt, und sie stapft die Steige hinauf mit den anderen Menschen, und weil der Aufstieg lang ist, hat sie viel Zeit, zu schauen: Auf die Solitude, die majestätisch und mit weißen Schneehauben über ihr thront, auf die Kinder in ihren Skibobs, die in halsbrecherischem Tempo den Berg hinuntersausen, auf die Väter mit ihren ängstlichen Kindern, die sich auf den Holzschlitten fest an sie pressen, auf die Freundinnen, die wild jauchzend nebeneinander und manchmal fast aufeinander den schmalen Weg hinunter fahren, auf das Pärchen mit den schmalen Augen, das nicht aussieht, als ob es aus einem Land käme, wo das Schlittenfahren bekannt ist, und das sich ganz langsam den Berg hinuntertastet. An diesem Nachmittag sind sie alle gleich, sie lachen, wenn jemand vom Schlitten fällt oder wenn ein kleiner Junge furchtlos in besonders flottem Tempo vorbeischießt, ihre Wangen sind gerötet von der kalten Luft und beim Hinunterfahren liegt ein Ausdruck des reinen Vergnügens auf ihren Gesichtern, so als könnten sie es gar nicht fassen, dass man so viel Spass haben kann, und auch Natalia ist mutiger geworden, jetzt bremst sie nicht mehr, sondern überläßt sich dem Schlitten, der alleine hinunter findet, immer schneller, und Natalia lacht und lacht und lacht, und keiner wundert sich, nicht einmal die Hose.

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